Kein Geld – keine Bestattung!

Wenn man die Beerdigung nicht bezahlen kann

Traurig blickt Manfred Müller auf das Foto seines verstorbenen Bruders Uwe. © Philippsen

© Philippsen

Glücksburg/Flensburg (lip) – Am  22. November ist wieder Totensonntag, an dem Christen der Verstorbe-nen gedenken. Für Manfred Müller wird das ein ganz besonders schwieriger Tag. Denn sein Bruder Uwe ist bereits am 25. August gestorben, aber bis heute nicht beerdigt worden.  Der Glücksburger lebt von einer kleinen Rente, die mit Hartz 4 aufgestockt wird und kann sich die Bestattung schlicht nicht leisten. Manfred Müller hat zwar alle nötigen Unterlagen für eine Sozialbestattung beim Rathaus eingereicht – doch passiert ist bis zum  heutigen Tag nichts.

Manfred Müller hatte die letzten zwei Jahre keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder Uwe, der an der chroni-schen Lungenkrankheit COPD litt und in einer Flensburger Seniorenwohnanlage wohnte. „Wir waren etwas zerstritten“, sagt der 66-jährige Glücksburger. Am 25. August dieses Jahres starb Uwe. Vom Tod seines Bru-ders erfuhr der Rentner jedoch erste eine Woche später. Da er das einzige noch verbliebene Familienmitglied ist, sollte Manfred Müller für die Bestattungskosten aufkommen. „Aber das kann ich nicht.  Ich lebe teilweise von Hartz4 und musste bereits eine Versicherung an Eides statt abgeben“, berichtet Müller. Auch das Erbe seines Bruders musste ablehnen, da dieser ebenfalls verschuldet war. Also wandte sich Manfred Müller zu-nächst an das Rathaus in Glücksburg, um dort zu erfahren, dass immer die Stadt zuständig ist, in der der Ver-storbene zuletzt gewohnt hat – also Flensburg. Er stellte dort einen Antrag auf Sozialbestattung und reichte alle notwendigen Unterlagen im Rathaus ein. Alleine es passierte nichts. „Ich habe immer wieder nachge-bohrt“, berichtet der Rentner und wurde vertröstet. Dann sollte er einen Kostenvoranschlag über vom Bestat-tungsunternehmen einreichen. Doch das reichte dem Sachbearbeiter nicht, der eine Quittung forderte.
Tatsächlich stellte das Bestattungsunternehmen diese aus, doch sein Bruder wurde bislang immer noch nicht beerdigt. Denn nach wie vor stehen die 3.643 Euro im Raum „Seitdem habe ich vom Amt nichts mehr gehört“, sagt Müller, der die Welt nicht mehr versteht. „Für mich hat das mit Würde nichts mehr zu tun und es grenzt meiner Meinung nach schon an Störung der Totenruhe“, ärgert er sich.

Dass Müller kein Einzelfall ist, bestätigt ein Flensburger Bestattungsunternehmer auf Nachfrage der Moin-Moin: „Die Stadt Flensburg arbeitet sehr langsam – und seit Corona dauert es noch länger.“ Der Bestattungs-unternehmer berichtet sogar von einem Fall, bei dem seit Februar nichts passiert ist.

Ein Grund für das Problem könnte sein, dass viele Bestattungsunternehmen anders als früher bei Sozialbe-stattungen nicht mehr in Vorleistung gehen und dann auf die Bezahlung der Rechnung durch das Amt warten. Zu negativ seien die Erfahrungen in letzter Zeit gewesen, berichtet der Bestatter, der auf rund 20.000 Euro Außenstände allein im letzten Jahr verweist, weil viele der Berechtigten entgegen anderslautender Bekun-dungen gar nicht erst einen Antrag beim Amt gestellt hätten. „Das tut mir natürlich leid für die Leute, die ehr-lich sind, aber viele meiner Kollegen sehen das genauso“, betont er. Schließlich müssten die Beerdigungsinstitute schon für die letzte Arztrechnung, Überführung des Leichnams, Sarg und Urne erheblich in Vorleistung gehen.

Und was sagt die Stadt Flensburg? Zum konkreten Fall könne man aus datenschutzrechtlichen Gründen nichts sagen, betont Stadt-Pressesprecher Clemens Teschendorf. Die Pflicht zur Beerdigung liege grundsätz-lich bei den Hinterbliebenen. Anders als etwa eine Erbschaft könne man diese auch nicht ablehnen. So ist es im Gesetz über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen des Landes Schleswig-Holstein geregelt. Dort heißt es unter anderem: „...innerhalb von neun Tagen nach Todeseintritt soll die Erdbestattung oder die Einäscherung vorgenommen werden.“

Aber wann übernimmt der Staat bzw. die Stadt die Kosten?  Wenn es keine Angehörigen gibt, finden in Flensburg die so genannten ordnungsbehördlichen Bestattungen statt. Hierbei werden die verstorbenen Per-sonen im Rahmen einer Feuerbestattung anonym auf dem Friedhof Friedenshügel in Flensburg beigesetzt. Mehrmals im Jahr gibt die Stadt Termine bekannt und veröffentlich auch eine Namensliste, so dass etwaige Bekannte der verstorbenen Person die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen.

Anders liegt der Fall, wenn es Angehörige gibt. Dann seien diese zunächst einmal verpflichtet die Kosten für die Beerdigung zu tragen, so Teschendorf.  Im Falle der Bedürftigkeit könnten sie aber eine Kostenübernah-me durch das Sozialamt beantragen und sollten dies auch dem Beerdigungsinstitut mitteilen, da das Amt nur die Kosten für ein einfaches Begräbnis übernimmt.

Das Amt müsse den Antrag zunächst prüfen. Zum einen, ob überhaupt eine Berechtigung vorliege und zum anderen werde versucht, über das Nachlassgericht noch weitere Angehörige ausfindig zu machen, die even-tuell zur Kostenübernahme verpflichtet seien. Das könne eine Zeit lang dauern, räumt Teschendorf ein. Wenn sich das Bestattungsunternehmen weigere in Vorleistung zu gehen, müssten Betroffene das Geld für die Berdigung zunächst selbst aufbringen.  „In diesem Fall kann sich der Betroffene aber im Nachhinein die Kosten erstatten lassen, indem er die Rechnung bei der Stadt einreicht“, so Clemens Teschendorf.

Doch Manfred Müller hat das Geld einfach nicht und sich inzwischen sogar einen Anwalt genommen. Und so wartet er bis zum heutigen Tag immer noch darauf, dass sein Bruder endlich in Frieden ruhen kann – neben seiner 2002 verstorbenen Frau auf dem Mühlenfriedhof, wie es sein letzter Wille war.

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